(Auszug aus einem Vortrag von Hameed Ali, auch bekannt als A. H. Almaas, vor Studenten der Ridhwan-Schule während des europäischen Sommerretreats am 8. Juni 2022. Das Thema des Retreats ist “Zeit”.)

Einige von euch fragen sich vielleicht, was zum Teufel wir eigentlich hier tun?  Wir sprechen über Zeit, Zeitlosigkeit; und ja, all das könnten tiefe, subtile Bewusstseinszustände sein, Zustände der Erkenntnis – während die Welt ein Chaos ist. Vergessen wir dabei die Welt? Was geschieht in der Welt? Wie verhält sich das, was wir in der Schule tun, wie verhält sich unsere Arbeit als Ganzes zu dem, was jeden Tag in der Welt geschieht?

Ich denke, dass diese Frage für viele von uns besonders wichtig geworden ist, weil wir von den Ereignissen in der Welt, die so nah sind wie hier in Europa, direkt und persönlich betroffen sind. Es herrscht Krieg in Europa, und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Ukraine, sondern auf alle Menschen in Europa und überall in der Welt. Ich bin sicher, dass viele von euch bereits auf die eine oder andere Weise helfen oder unterstützen. Europa hat auch zu Beginn des Syrienkriegs geholfen und viele Flüchtlinge aufgenommen, die nach Europa kamen. Der Krieg in Syrien dauert noch an; er ist noch nicht zu Ende. Und es gibt da auch noch der Krieg im Jemen. Manche sagen, warum nur über die Ukraine reden, und nicht auch über den Jemen? Nun, der Jemen ist auch sehr wichtig. Viele Menschen sterben und leiden. Und dann gibt es zum Beispiel noch die Behandlung der Menschen in Myanmar. Auch das ist wichtig. Es mag sich weit weg anfühlen, aber auch das ist weiterhin ein Teil dieser Welt. Ganz zu schweigen von den politischen Umwälzungen und der Spaltung in vielen Teilen der Welt. Und auch in den USA ist es fast wie ein Krieg, nicht mit Waffen, sondern mit Worten und Überzeugungen.

Die Welt scheint also in keinem guten Zustand zu sein, und wir sitzen hier in unserem Retreat-Zimmer und vertiefen uns in diese tiefen, wunderbaren, subtilen Orte. Wie hängen sie mit dem zusammen, was in der Welt geschieht und mit unserem Leben in der Welt? Nun, über eurer persönliches Leben gibt es diesen direkten Zusammenhang.

Viele von uns sind ja in der Schule, weil wir lernen wollen, wir selbst zu sein, frei zu sein, authentisch zu sein. Wie in jedem anderen Retreat auch geht es in diesem Retreat also um innere Verwirklichung, innere Freiheit. Und wir bleiben bei diesem Fokus, indem wir unsere Erfahrung, frei zu sein und authentisch wir selbst zu sein, weiter erforschen. Und indem wir frei und authentisch wir selbst sind, stehen wir für die Menschheit; heutzutage hat die Menschheit nicht viele gute Repräsentanten. Natürlich gibt es ein paar gute Menschen auf der Welt, es ist nicht so, dass es keine gibt. Es gibt viele, aber es gibt auch viele unachtsame, grausame oder herzlose Menschen auf der Welt.

Wir lernen also, ein wahrer Mensch zu sein, ein Mensch mit Herz, ganz wach und bewusst, aber auch stark und stabil, voller innerer Unterstützung, wir selbst zu sein. Wir lernen, in allen Situationen wir selbst zu sein, auch in den schwierigen. Wir machen die Arbeit nicht nur, um in einfachen Zeiten wir selbst zu sein, sondern auch in schwierigen Zeiten. Tatsächlich ist es am nützlichsten, in schwierigen Zeiten wir selbst zu sein. Deshalb glauben viele Lehren, dass die innere Arbeit wichtig ist, um sich auf den Tod vorzubereiten, der für die meisten Menschen die größte Herausforderung darstellt.

Sich bewusster zu werden, mehr man selbst zu sein, hat vielleicht keinen direkten Einfluss auf einen Krieg in Europa oder anderswo. Aber es könnte euch liebevoller und mitfühlender machen. Ihr könntet mehr tun, um euch persönlich zu engagieren, um auf die eine oder andere Weise zu helfen. Aber der Punkt ist, je mehr wir wir selbst sind, je mehr wir unterstützt werden, unser wahres Selbst mit unserer Kraft, Stärke, Intelligenz und Klarheit zu sein, desto mehr sind wir in der Lage, das Leben im Allgemeinen zu meistern. In Zeiten der Leichtigkeit und in schwierigen Zeiten.

Die innere Arbeit funktioniert im Allgemeinen nicht mit sehr spezifischen weltlichen Situationen, weil die Lehren sich selbst nicht in spezifische weltliche Situationen einfügen, denn diese verändern sich ständig. Sie sind nicht Teil der Wahren Natur, die immer verfügbar ist. Es ist Teil des Potenzials der Wirklichkeit, dass schwierige Situationen auftauchen, und die Menschen machen spirituelle Arbeit, um frei zu sein von diesen schwierigen Situationen, selbst inmitten des Krieges frei zu sein.

Wenn man sein wahres Selbst kennt, ist man eher in der Lage, inmitten eines Krieges frei zu sein und keine Angst zu haben, als wenn man es nicht kennt. Um uns selbst und möglicherweise auch der Situation zu helfen, müssen wir also bewusster, mitfühlender und mutiger sein.

Tatsächlich gewinnt die spirituelle Arbeit im Laufe der Geschichte vor allem in Zeiten der Krise, des Krieges oder der Unterdrückung an Bedeutung. In solchen Momenten können Menschen eine andere Richtung einschlagen. Hier gibt es wahre Sicherheit, wahre Intimität. Wir sind also hier wie in einer intimen Umarmung, einer Art Abgeschiedenheit von der Welt, um wir selbst zu sein, damit wir besser bereit und in der Lage sind, in der Welt zu sein und mit ihren Widrigkeiten umzugehen, egal in welcher Situation.

Wisst ihr, in ein paar Jahren geht es nicht um den Krieg, dann geht es um den Klimawandel. Wie können wir damit umgehen? Als Einzelne könnt ihr vielleicht nicht viel dagegen tun, aber vielleicht könnte ihr etwas mehr tun und die Situation für euch selbst besser in den Griff bekommen. Ihr könnte euer Leben auf eine klügere Weise gestalten, um euch selbst und anderen zu helfen. Denn je mehr wir spirituell verwirklicht sind, desto mehr kommt unser Handeln gleichzeitig uns selbst und anderen zugute. Wir brauchen uns nicht zu entscheiden. Es ist natürlich.

Wir arbeiten mit subtilen Fragen, mit subtilen Möglichkeiten der Subjektivität, der Erfahrung. Im Grunde ist diese Arbeit Teil der fortwährenden Arbeit, unsere Verwirklichung zu stärken, sie zu erweitern, so dass wir vollständigere menschliche Wesen sind. Wir tun diese Arbeit, um etwas über das Jetzt zu erfahren, im Jetzt zu sein. Wenn wir im Jetzt sind, erkennen wir, dass unsere spirituelle Natur nicht in Gefahr sein kann. Nichts in der Außenwelt kann ihr schaden, denn wir sind die Natur der gesamten Realität, die der gesamten Realität zugrunde liegt. Man kann das als paradoxe Situation ansehen, aber in Wirklichkeit ist es nicht paradox, denn je mehr wir bewusst sind, desto mehr verstehen wir uns selbst. Es scheint das Natürlichste der Welt zu sein.

Bislang haben wir (in diesem Retreat) die Zeit und die verschiedenen Arten, Zeit zu erleben, aus der Perspektive des Individuums, aus der Perspektive des Spezifischen betrachtet. Wir sind dann ein wenig weiter gegangen, als wir mit dem reinen Sein gearbeitet haben und wie das reine Sein nicht nur als Individuum ausgedehnt werden kann, sondern überall. Reines Sein ist die Natur von allem. Das deutet auf die Möglichkeit hin, uns selbst in einer transzendenten Art und Weise zu erfahren.

Eine spirituelle Lehre zeigt also Erfahrung von Transzendenz, zeigt, die Welt zu transzendieren, unser Leben zu transzendieren, damit wir in ihr authentischer und effektiver leben können. Verschiedene Lehren schauen übrigens unterschiedlich auf Transzendenz. In unserer Lehre hilft die Transzendenz, in der Welt zu leben, in der Welt zu sein. Transzendenz bedeutet zu erkennen, dass unsere Natur jenseits der Welt liegt, jenseits der spezifischen Einzelheiten unseres Lebens, jenseits unserer individuellen Erfahrung und der Einzelheiten der Welt. Und Transzendenz zeigt auch, wie die Beziehung von Transzendenz zur Welt aussieht und zu dem, was in der Welt geschieht, sei es die Straße vor deinem Haus, die Menschen auf der STraße, oder dein Land, die Politik deines Landes, internationale Ereignisse wie Konflikte und Gewalt. All dies geschieht in der Welt. Auch das ist nichts Neues.

Das war also schon immer so, manchmal war es schlimmer als zu anderen Zeiten. Aber bedenkt, dass die Menschheit noch in den Kinderschuhen steckt, sie ist noch nicht so weit entwickelt. Der größte Teil der Menschen agiert immer noch auf einer instinktiven Ebene. Auf dieser Ebene ist das Überleben das Wichtigste. Für uns ist das Überleben immer noch wichtig, aber wir haben genug überlebt, so dass wir einen Teil unserer Aufmerksamkeit auf etwas richten können, das nichts mit dem Überleben zu tun hat, z. B. auf die Qualität des Lebens und die Qualität der Erfahrung.

Aber viele Menschen lassen sich von ihren Instinkten leiten, so dass sie sich mehr um Macht, Einfluss, Privilegien, Kontrolle, Ruhm und Sicherheit kümmern, selbst wenn das auf Kosten anderer geht. Das ist meistens der Zustand der Welt. Das ist seit tausenden Jahren so, und es hat sich nicht viel geändert; vielleicht hat ich etwas verbessert. Die Welt als Ganzes hat sich meiner Meinung nach etwas verbessert, aber die Einzelnen haben sich nicht verbessert. Die Welt als Ganzes hat sich etwas verbessert, in dem Sinne, dass sich die Lebensqualität für viele Menschen verbessert hat. Aber die meisten Menschen werden immer noch von ihren instinktiven Kräften gelenkt. Das ist schon von Anfang an so. Spiritualität bedeutet, sich von den Instinkten zum Herzen und zur Intelligenz hin zu bewegen. Dies geschieht nicht, indem man die Instinkte verleugnet, sondern indem man sie einbezieht und sie in einer Weise entwickelt, die dem Herzen und der Intelligenz dient.

Übertragen von einem Vortrag von Claus Haalck und ins deutsche übersetzt von Beate Raabe. Bild: Bildschirmfoto aus dem Retreat

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