Dies ist ein sehr persönlicher Bericht geworden. So hatte ich mir das anfangs nicht vorgestellt. Ich hatte gedacht, passend zum Newsletter zu Ostern schreibe ich etwas über das Thema Kreuzigung. Ein wenig naiv war ich. Im Redaktionsteam gab es unterschiedliche Sichtweisen und teilweise auch heftige Kritik. Bei meinen Versuchen, diese Kritik nicht persönlich zu nehmen, scheiterte ich deutlich. Auch diverse Überarbeitungen führten nicht zu einer Beruhigung und es schien, als würden sich diametrale Standpunkte unversöhnlich gegenüberstehen. Die Frage stand im Raum: Sollen wir den Beitrag veröffentlichen oder nicht? In der letzten Redaktionssitzung vor Herausgabe des Newsletters konnten die unterschiedlichen Positionen endlich voll eingebracht und gehört werden. Aus einer Trennung entstand ein offener Raum und das Gefühl eines großen Ganzen. Wir waren ein neues Team geworden. Eine Auferstehung der besonderen Art. Wir beschlossen, einen neue Rubrik zu kreieren, die wir „Lebensbriefe“ nennen und meinen Beitrag zum ersten dieser Art zu machen. Ich bin sehr dankbar für diesen Prozess. Hier kommt jetzt der Artikel selber. Ach nein. Er hat ja schon begonnen…
Was hat die Kreuzigung Jesu mit Minderwert, Über-Ich, einem YouTube-Kanal und dem Diamond Approach zu tun? In meiner eigenen Erfahrung kann ich sehr viele Bezüge erkennen.
Hameed schrieb in seinem „Diamond Heart Book 4“ in Bezug auf Jesus, dass wir in ihm nicht die Geburt und das Leben eines einzelnen Menschen feiern, sondern die Geburt und das Leben einer wahren und essentiellen Person. Jesus „steht für die gesamte Menschheit. Er war nicht einfach nur ein besonderer Mensch. Seine Besonderheit liegt darin, dass er das wahre Wesen des Menschseins erkannt und verkörpert hat. Er machte sich offen, hatte den Mut dazu – und wurde dadurch zu einem Vorbild für uns. Wenn er sagt: „Ich bin der Sohn Gottes“, verstehe ich das so, dass jeder Mensch der Sohn Gottes ist, dass jeder Mensch erkennen kann, dass er oder sie ein Kind Gottes ist. Wenn er von Gott als seinem Vater sprach, sagte er damit etwas, das für uns alle wahr ist.“
Für mich hat der biblische Bericht über die Kreuzigung einen sehr nahen Bezug zum inneren Weg. Aus diesem Blickwinkel würde ich gerne ein paar Worte zu meinem Bezug zur Kreuzigung Jesu sagen. Und freue mich, wenn du einen Moment mit mir liest.
Für mich ist Jesus Weiser, Erwachter und Lehrer. Ich sehe in ihm einen Menschen, der zu seinem wirklichen Potential erwacht ist, und anderen auf ihrem Weg unterstützen wollte. Ein Heiliger, der nicht anders konnte, und der durch sein Wirken in die Mühlen der römischen Staatmacht geriet, die einen Aufrührer wie ihn nicht tolerieren konnte und die Macht hatte, ihn zum Schweigen zu bringen. Dieser Tod war brutal. Jesus ahnte, was auf ihn zukam, und er wich nicht zurück. Er ahnte, dass der Kelch nicht an ihm vorübergehen würde. Darin fühle ich mich ihm nahe. Ich kenne die Momente, wo ich zu meiner Wahrheit stehen muss, auch im Angesicht von teilweise heftigem Gegenwind von außen, vom Gegenüber, von der Partnerin, von Freunden und Bekannten. Ob ich auch bereit wäre, buchstäblich zu sterben, das weiß ich nicht und ich hoffe sehr, dass das nicht von mir verlangt wird.
Die Kreuzigung von Jesus hat für mich auch etwas Symbolisches. Ich bin in einer extrem schmerzhaften Situation und ich komme nicht raus, so wie ich das vor vier Jahren erlebt hatte, als ich eine Krebsdiagnose bekam. Da war ich wie festgenagelt in Umständen, die mir keine Luft zum Atmen lassen. Das Leben fordert mich heraus und es kommt mir vor, dass ich es nicht ertragen kann und allen Mut verliere. Ich fühle mich alleingelassen, verraten und verkauft. Ich muss es also doch wieder alleine machen. Genau wie ich mich damals als Kind gefühlt habe.
In der inneren Arbeit kann ich lernen, diese Kräfte in mir genauer zu erforschen. Ich kann mich dem stellen, was ich als mein Kreuz erfahre. Und in dieser Erkundung kann ich eventuell sogar auferstehen und innerlich wieder Freiraum gewinnen. So, wie ich das die letzten vier Jahre erfahren habe. Trotz oder gerade wegen einer schweren Erkrankung wurde es mir mit Hilfe von innerer Arbeit und liebevoller Begleitung innerhalb des Diamond Approach möglich, mich noch mehr als früher in die Welt zu wagen und mich dort zu zeigen.
Jesus hat sich gezeigt. Er ist sichtbar geworden. Darin fühle ich mich mit ihm verbunden. Ich habe seit vielen Jahren einen Social-Media-Kanal, wo ich mich über die Jahre immer mal wieder gezeigt habe, aber immer sehr vorsichtig und behutsam. Seit einigen Monaten hat sich das geändert. Ich veröffentliche mehr und mehr Material und bekomme erstaunlich viele ermunternde Rückmeldungen.
Das mich zeigen befreit mich und konfrontiert mich gleichzeitig mit bislang unbekannten inneren Gegenkräften. Ich merke, wie ich weiterhin auf die sogenannten „Views“ schaue, also die Anzahl von Menschen, die ein Video angeschaut haben. Mein Geist vergleicht und zehn Views werden geringer geschätzt als hundert. In der inneren Arbeit kann das Erkennen des Vergleichens eine wichtige Rolle spielen. Tiefer als das Vergleichen habe ich oft den Minderwert in mir gefunden. Wenn die Aufmerksamkeit ausbleibt, wird dieser Minderwert berührt und Reaktivität entsteht, so wie damals in der Kindheit, als ich mich nicht gesehen fühlte und begann, die Liebe im Außen zu suchen. Diese Suche war und ist aussichtslos. In dieser hoffnungslosen Suche nach Liebe bin ich ans Kreuz genagelt. Und allein. Die Nägel meines Kreuzes sind aus Minderwert und Zweifeln gemacht, die mein Leben bestimmt haben. Ich hänge am Kreuz und kann nicht weg. Die inneren Stimmen sind rücksichtslos und gewalttätig. Gerade höre ich eine: „Glaubst du etwa, dass du Jesus bist!?“ Ich sage „Stop!“ Das ist eine gute Nachricht, dass wir das tun können im Angesicht unseres eigenen Über-Ichs. Das ist die schmerzhafte und gleichzeitig frohe Botschaft.
Kann ich wieder auferstehen? Kann ich mich wieder auf den Weg machen und weitergehen? Und weiter meine Wahrheit ausdrücken. Diese Fragen stellt Jesus an mich. Dafür bin ich dankbar. Dafür, würde ich sagen, ist er für mich gestorben. Ich bekomme Gänsehaut beim Schreiben. Jeder Nagel, also jedes innerlich auftauchende Loch oder jeder Mangel, tun weh und scheinen mich wieder in das Alte hineinzuzwängen. Wenn ich dieser Kraft folge, dann gehe ich wieder in die Vergangenheit, dann bin ich wieder das Kind von früher. Dann traue ich mich nicht mehr in die Welt. Dann verkleinere ich mich und lebe nicht vollständig. Dann sterbe ich, in dem ich nicht vollständig lebe.
Ich kann auferstehen. Und der sein, der ich bin. Immer in der nächsten Begegnung. Und jede Begegnung kann für mich eine Gelegenheit zur inneren Arbeit sein. Und dafür bin ich dem inneren Weg und besonders auch dem Diamond Approach dankbar, dass sie mir diese Möglichkeit gezeigt haben. In diesem Sinne ist innere Arbeit auch eine innere Auferstehung aus den engen Grenzen meines eigenen Geistes.
Noch eine kleine Schlussbemerkung: Mir ist im Nachhinein durch einen Vortrag meines früheren Lehrers zur Kreuzigung noch etwas anderes klar geworden: Für mich war Kreuzigung das Schlimmstmögliche, was passieren kann. Ich habe keinen Ausweg und kann nicht weg. Mein früherer Lehrer jedoch betonte, dass in dieser Alternativlosigkeit eine große Freiheit liegen kann. Ich kann nicht weg und ich muss auch gar nicht weg. Ich lasse das Unausweichliche geschehen. Darin Freiheit zu sehen, ist für mich eine neue Perspektive.
Mich würde interessieren, wie es dir beim Lesen gegangen ist. Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit und deine Kommentare.
