Was ist „Abwesenheit“?
Lehren des Diamond Approach über „Abwesenheit“
Abwesenheit ist sehr schwer zu beschreiben. Stell dir die Abwesenheit aller Empfindungen vor, die du in deinem Körper erlebst, aller deiner Gedanken, Bilder und Wahrnehmungen. Abwesenheit bedeutet nicht Taubheit, denn bei Taubheit ist da immer noch dein Bewusstsein das Taubheit wahrnimmt. Ebenso wenig bedeutet Abwesenheit Blockade, denn Blockade ist deine Erfahrung und Empfindung von Blockade. Taubheit und Blockade können das Bewusstsein einschließen, dass etwas fehlt. Bei Abwesenheit gibt es kein Gefühl, dass etwas fehlt. Abwesenheit kann entweder das vollständige Nichtvorhandensein von Bewusstsein sein oder eine Abwesenheit, die von einem Bewusstsein der umgebenden Phänomene begleitet wird. Ersteres nenne ich Auslöschen, Letzteres Abwesenheit. Ich werde diesen Unterschied im Laufe unserer Arbeit noch deutlicher machen.
Diamond Heart Book Five, S. 127
Almaas: Wie ich sagte, ist es möglich, dass Abwesenheit und Bewusstsein gleichzeitig vorhanden sind. Der erste Schritt, Abwesenheit zu erleben, ist die vollständige Auslöschung. In dieser totalen Abwesenheit, die alles ausschließt, ist es nicht möglich, sie zu erkennen. Abwesenheit ist in ihrer Absolutheit nicht erkennbar. Denn absolute Abwesenheit ist sich ihrer selbst nicht bewusst – in diesem Zustand können weder Bewusstsein noch Erkenntnis existieren. Man wird sich dieser totalen Auslöschung erst bewusst, wenn man aus ihr herauskommt. Man erinnert sich an nichts über absolute Abwesenheit, weil es nichts zu erinnern gab und niemand, der sich hätte erinnern können. Erst im Gleichzeitigen Entstehen von Bewusstsein und Abwesenheit ist es möglich, Abwesenheit zu erkennen.
Betrachten wir es so: Abwesenheit ist der Himmel, und Bewusstsein ist die Wolke, die im Himmel entsteht. Die Wolke ist eine bewusste Wolke und nimmt den Himmel wahr, der die Abwesenheit der Wolke ist. Bewusstsein kann Abwesenheit als die Abwesenheit von Bewusstsein wahrnehmen. Aber wenn die Wolken vollständig verschwunden sind und nur noch leerer Himmel bleibt, dann herrscht absolute Abwesenheit. Da kein Bewusstsein davon existiert, ist der Himmel nicht erkennbar.
Es stellt sich heraus, dass absolute Abwesenheit die letzte Wirklichkeit ist, der endgültige Zustand des Daseins. Sie ist der Anfang und das Ende von allem, was ist – der Menschheit, der Welt, der Schöpfung, des Bewusstseins, von allem. Wenn sich ein Mensch der absoluten Abwesenheit zuwendet, wird in seinem Leben alles richtig verlaufen, denn er wird frei sein. Und wenn sich ein Mensch nicht dorthin bewegt, wird alles schiefgehen, weil er im Gefängnis der Illusion lebt. So einfach ist das. Letztlich liebt jeder die absolute Abwesenheit – ob er es weiß oder nicht. Man weiß, dass man sie liebt, wenn man sich des reinen Bewusstseins bewusst wird. Bevor man sich des reinen Bewusstseins bewusst wird, ist man im differenzierenden Bewusstsein gefangen – im Bewerten, Ablehnen und Bevorzugen eines Aspekts des Bewusstseins gegenüber einem anderen.
Diamond Heart Book Five, S. 136
Student: Kann man Abwesenheit als die Desidentifikation vom Bewusstsein beschreiben?
Almaas: Ja, Abwesenheit ist das absolute Fehlen von Identifikation mit irgendetwas. Normalerweise verstehen wir das jedoch nicht, wenn wir Abwesenheit noch nicht selbst erlebt haben. Deshalb bezeichne ich sie lieber als das Auslöschen des Bewusstseins. Obwohl ich sie recht gut beschreiben kann, ist absolute Abwesenheit schwer vorstellbar und zu begreifen.
Wir können sie mit der Erfahrung von Klarheit vergleichen: Manchmal fühlt sich dein Bewusstsein so klar an wie durchsichtiges Glas oder Kristall. Nimm nun diese Klarheit und mache sie noch klarer – absolut kristallklar. Dann mache sie immer klarer und klarer und klarer, bis sie so klar ist, dass du sie nicht mehr spürst. Je glatter, klarer und feiner das durchsichtige Medium des Bewusstseins wird, desto dünner, subtiler und durchsichtiger wird es. Im Extremfall ist absolute Klarheit so fein, so klar, so subtil und so dünn, dass nichts mehr da ist. Das Medium des Bewusstseins ist dann vollständig ausgelöscht.
Vollständige Abwesenheit ist ein Zustand vollständiger Leichtigkeit und Offenheit, weil nichts – nicht die geringste Empfindung – die Offenheit behindert.
Diamond Heart Book Five, S. 133
In der Abwesenheit erlebt man sich selbst als reines Subjekt, das kein Objekt ist. Man ist die Quelle des Bewusstseins. Man ist nicht der Zeuge, nicht das Zeugen, nicht das Bezeugte. Man erkennt sich selbst als Abwesenheit – unbekannt und unerkennbar. Wenn man nach innen schaut, gibt es keine Wahrnehmung; es herrscht absolute Abwesenheit ohne Bewusstsein der Abwesenheit, denn Abwesenheit ist kein Gegenstand der Wahrnehmung. Sie ist in der Tat die Abwesenheit eines Wahrnehmungsobjekts.
Pearl Beyond Price, 463
